KERN ist ein offener, modularer UX-Standard und ein Design-System für die deutsche öffentliche Verwaltung, das communityzentriert über alle föderalen Ebenen von der Kommune bis zum Bund entwickelt wird. Es zielt darauf, digitale Verwaltungsangebote barrierefrei, einheitlich und wiedererkennbar zu gestalten, sodass der Staat als Absender digitaler Angebote erkennbar bleibt und Bürger*innen sie intuitiv nutzen können.
Der Föderalismus fragmentiert die Digitalisierung der deutschen Verwaltung: Online-Dienste, Plattformen und Fachverfahren werden von verschiedenen Betreibern auf verschiedenen Plattformen gebaut, was zu Designbrüchen, fehlender staatlicher Wiedererkennbarkeit und schwankender Qualität bis hin zu Barrieren führt. KERN begegnet dem mit einem ganzheitlichen Design-System, das plattformunabhängige Implementierungen liefert, von HTML und CSS und Web Components bis hin zu Adaptern für Frameworks wie Angular und Vue, als Open Source auf OpenCode nach dem Prinzip „Public Money? Public Code!".
KERN ist die Design-System-Säule der Digitalen Dachmarke, einem freiwilligen Angebot des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS), das digitalen staatlichen Angeboten von Bund bis Kommune eine einheitliche Identität über vier Vertrauensanker verleiht:
- eine Kopfzeile,
- den Domain-Namen
.gov.de, - ein Bildzeichen (ein moderner Bundesadler) und
- das KERN Design-System.
Das Konzept der Dachmarke wurde im März 2024 vom IT-Planungsrat beschlossen und läuft seit Dezember 2024 in der Pilotierung mit ersten „Go Lives", etwa bafoeg-digital.de oder wohnsitzanmeldung.gov.de.
KERN stellt alle Komponenten im Dachmarken-Theme bereit, sodass Verwaltungen die wiedererkennbare Identität ohne Zusatzaufwand umsetzen.
Das Modell hat bewährte Vorläufer in anderen europäischen Ländern. Das GOV.UK Design System, maintained vom Government Digital Service und die Government Design Principles tragen seit über einem Jahrzehnt nutzendenzentrierte, barrierefreie und einheitliche digitale Dienste in der britischen Regierung. Ihre anhaltende Verbreitung zeigt, dass ein gemeinsames, offenes Design-System die Servicequalität und das Vertrauen der Öffentlichkeit im großen Maßstab heben kann. KERN folgt denselben Prinzipien, angepasst an die föderale Verwaltung Deutschlands: Nutzer*innenbedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, die harte Arbeit leisten, um Dinge einfach zu machen, konsistent statt einheitlich auftreten, und Dinge offen machen.
Einordnung als Vielversprechendes Beispiel#
KERN ist ein ehrlicher, gut fundierter Versuch, ein dokumentiertes Problem zu lösen. Es greift bewährte Best Practices anderer europäischer Länder auf, ist Open Source, von Anfang an auf Barrierefreiheit ausgelegt und über die Dachmarke institutionell solide verankert.
Ob es jedoch gelingt, hängt von der Verbreitung in der stark föderal geprägten deutschen Verwaltung ab, in der Bund, Länder und Kommunen ihre Dienste unabhängig voneinander bauen. Die Dachmarke läuft erst seit Dezember 2024 in der Pilotierung, und eine anhaltende, bundesweite Nutzung ist noch nicht belegt. Das macht die Einordnung zu einem vielversprechenden statt zu einem Best-Practice-Beispiel.